Das Ehrenamt als Lebenselixier
Annemarie Peus: 50 Jahre Politik aus vielen Perspektiven
Von Wolfgang S c h e m a n n
Münster. Sie ist das, was man gerne eine Person der
Zeitgeschichte nennt. Sie hat 50 Jahre Politik aus allen Perspektiven erlebt und gemacht
als Ehefrau eines Oberbürgermeisters, als Mutter einer Europaabgeordneten und als
Vorsitzende der Europa-Union. Im Grunde hat die Politik ihr ganzes Leben bestimmt. Ihr
Vater war bis 1933 Vorsitzender der Zentrumspartei in der Provinz Hannover, politisches
Denken wurde ihr quasi in die Wiege gelegt Annemarie Peus: "Es steckt wohl in den Pösten."
Die gebürtige Hildesheimerin erinnert sich gut an die Besuche der Reichskanzler Marx und
Brüning in ihrem Elternhaus, aber auch an die Schrecken der Nazi-Zeit mit
Hausdurchsuchungen durch die Geheime Staatspolizei und ständige Telefonüberwachung.
Die politische Bühne in Münster öffnete sich für Annemarie Peus vor einem halben
Jahrhundert. Anfang der 50er Jahre fand in Münster eine große Tagung statt.
"Mein Mann
hatte was er gerne tat und gut konnte eine flammende Rede gehalten. Und
hinterher kamen Leute zu ihm und sagten: Sie müssen OB werden." Ihr Wunsch ging
schon wenig später in Erfüllung. Im November 1952 wurde Rechtsanwalt Dr. Busso Peus zum
münsterischen Oberbürgermeister gewählt. Sein Vater, Justizrat Fritz-Carl Peus, war
übrigens der erste von der Besatzungsmacht ernannte münsterische Oberbürgermeister nach
dem Kriege. Annemarie Peus kann sich noch daran erinnern, wie sie ihn im Mai 1945 in
Vertretung ihrer Schwiegermutter zum Antrittsbesuch bei Bischof von Galen begleitete.
Es war keine ganz einfache Zeit, wie sich Annemarie Peus erinnert "Wir haben
noch die richtig mageren Jahre mitbekommen. Zu Anfang hat mein Mann oben im
Petzhold-Haus gesessen, weil es weder Rathaus noch Stadthaus gab."
Aber es waren auch spannende Jahre "in denen mein Mann gefordert wurde in seinen
besten Kräften". Er konnte und durfte, so formuliert es Annemarie Peus, an der
Planung und Gestaltung, am Wiederaufbau jener Stadt mitwirken, die er liebte.
Eine große Aufgabe, zumal an allen Ecken und Enden Mangel herrschte. Es gab kein Geld, es
gab kein Material. Und manchmal mangelte es auch noch an den notwendigen Fähigkeiten.
Annemarie Peus erinnert sich, dass für den Wiederaufbau von Rathaus und Dom eigens
Steinmetzschulen eingerichtet werden mussten, um den Handwerkern die notwendigen
Fertigkeiten zu vermitteln.
Die Frage, ob Münsters Mitte wieder an der alten Stelle errichtet werden sollte, oder
vielleicht doch irgendwo anders, war damals wohl schon entschieden. Aber über die Frage,
wie der Wiederaufbau vonstatten gehen sollte, wurde noch immer heftig gestritten. Der
Oberbürgermeister, sagt Annemarie Peus, gehörte zu den denen, die sich – vor
allem am Prinzipalmarkt – für den Wiederaufbau des Alten stark machten:
"Aber beim Theater war er erstaunlicherweise fürs Moderne."
Es waren handfeste Probleme, die die Politik damals beschäftigten. In dieser Beziehung,
so meint Annemarie Peus, "hatte mein Mann es sicher leichter als die späteren
Oberbürgermeister". Ideologie und Parteipolitik spielten nur eine Nebenrolle
– das gemeinsame Ziel stand im Vordergrund: "Alle Parteien hatten das
Bestreiben, Münster wieder aufzubauen und erträgliche Verhältnisse für alle
Bürger zu schaffen."
Die Ehefrau eines Oberbürgermeisters hatte in jenen mageren Jahren vor allem soziale
Aufgaben. Annemarie Peus nahm sich besonders der Altenheime an sowie der kinderreichen
Familien in den Barackensiedlungen, die regelmäßig mindestens ein Mal im Monat besucht
wurden.
In besonders angenehmer Erinnerung hat die Münsteranerin die internationalen
Kontakte, die das Amt des Oberbürgermeisters mit sich brachte. Und die sie
nicht nur deshalb genoss, weil sie damals noch alles andere als
selbstverständlich waren. "Es waren auch willkommene Gelegenheiten, unseren
Gesichtskreis zu erweitern."
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Es war die Zeit, in der die ersten Städtepartnerschaften eingestielt wurden. Zunächst
gab es Besuche in Enschede. Dann in York und Orléans wo man wiederum Leo Tallaksen
traf, den Bürgermeister der norwegischen Stadt Kristiansand. Und überall, so beteuert
sie, wurde man mit offenen Armen aufgenommen:
"Es gab kaum Vorbehalte." Ganz im Gegenteil: Meist gingen die
städtepartnerschaftlichen Kontakte mit personlichen Freundschaften einher manche,
so freut sie sich, dauern bis heute.
Durch diese Kontakte war der Boden gut vorbereitet, als Annemarie Peus Mitte der 60er
Jahre von Berta Hüffer, der damaligen Vorsitzenden der Europa-Union, eingeladen wurde:
"Begleiten Sie mich doch mal." Es war der Beginn einer jahrzehntelangen Passion. Die
Europa-Union "eine Vereinigung, die sich ganz kompromisslos einsetzt für die
Einheit Europas" fand in Annemarie Peus eine leidenschaftliche
Vorkämpferin: "Weil das der Versöhnung dient und dem Frieden – der damals ja
noch jung und fragil war."
Schon wenig später fand sich die Münsteranerin auf Tagungen in Tarent und Rom wieder, wo
ein damals gerade aktuelles Problem diskutiert wurde: die Betreuung und Integration
italienischer Gastarbeiter. Es blieb nicht bei der Diskussion, die Europa-Union engagierte
sich auch für die Lösung der Probleme. Sie fand in den eigenen Reihen zehn Lehrkräfte,
die ausländischen Kindern nachmittags Unterricht gaben, sie bemühte sich um die
Einrichtung von Übergangsklassen, und sie rief einen Arbeitskreis mit Vertretern von
Stadt und Ausländern ins Leben einen Vorläufer des Ausländerbeirates. Annemarie
Peus hat auf allen Ebenen der Europa-Union mitgemischt. Sie gehörte viele Jahre dem
Landesvorstand an und ist heute Ehrenvorstandsmitglied, sie hat im Bundespräsidium
mitgearbeitet und ist noch immer stellvertretende Vorsitzende des Bundeshauptausschusses.
Der Schwerpunkt ihres Europa-Engagements aber lag natürlich in Münster. Den Vorsitz des
münsterischen Kreisverbandes hat sie im vergangenen Herbst nach 33-jähriger Tätigkeit
niedergelegt. Nicht ganz leichten Herzens, wie man ihr anmerkt, aber doch in dem
Bewusstsein, dass man den richtigen Zeitpunkt zur Weitergabe an Jüngere auch verpassen
kann.
Europa-Union das hieß für Annemarie Peus auch, jeden Monat eine Veranstaltung zu
organisieren. Und nicht nur irgendeine: "Ich wollte, dass die auch gut war." Im
Laufe der Jahre hat die 26 Botschafter nach Münster geholt darunter Ende der 80er
Jahre auch den chinesischen. Eine "Ringeltaube", wie sie schmunzelnd kommentiert,
denn die Chinesen machten sich damals mehr als rar. Es war eine interessante Begegnung,
die Annemarie Peus auch in die chinesische Botschaft führte – und die am
Ende gemischte Gefühle hinterließ: "Es war bedrückend zu erleben, wie unfrei
die Chinesen doch sind."
In den letzten zehn Jahren haben sich alle osteuropäischen Länder bei der Europa-Union
vorgestellt. "Das war interessant und hat mich auch menschlich berührt wenn man
sieht und hört, wie die mit dem Herzen bei der Sache sind und um Sympathie und
Verständnis für ihre Länder werben." Der rumänische Botschafter war Ende 1999 in
Münster just zu dem Zeitpunkt, als EU den Rumänen in Helsinki den
Kandidatenstatus einräumte. Annemarie Peus erlebte einen mehr als gerührten
Botschafter: "Er hat gesagt: Das ist der glücklichste Tag meines Lebens."
Ob die Europa-Union denn nicht langsam ausgedient hat, wenn der Euro eingeführt wird?
"Diese Frage habe ich mir auch schon mal gestellt", gesteht sie. Aber sie hat
Gegenargumente gefunden. Zum einen, meint sie, gebe es hierzulande noch immer genügend
Informationsbedarf in Sachen Europa, auch und vor allem in den neuen Bundesländern. Zum
anderen ist und bleibt das Thema Osterweiterung. In einigen Staaten Osteuropas wurden
bereits "Europahäuser" errichtet, Landesverbände der Europa-Union sind in
Vorbereitung.
Annemarie Peus war und ist mit Überzeugung und Begeisterung Mitglied der Europa-Union.
Sie hat aber versucht, sich eine kritische Distanz zur europäischen Wirklichkeit zu
bewahren. Beispielsweise gegenüber der Regelungswut. So stellt sich für die
Münsteranerin schon die Frage, ob es richtig ist, "wenn die EU-Kommission in
Brüssel regeln will, wie ein Klassenzimmer in Bayern auszusehen hat". Und sie kann
durchaus verstehen, dass das so manchen auf die sprichwörtliche Palme bringt. Annemarie Peus:
"Das ist schade, weil es die Menschen missmutig macht – und sie sollten
eigentlich von Europa begeistert sein."
Von den offiziellen Ämtern hat sich Annemarie Peus inzwischen etwas zurückgezogen, aber
das Thema Europa liegt ihr weiterhin am Herzen. Alle paar Wochen hält sie irgendwo einen
Vortrag. "Das hält einen fit", lächelt sie, "und zwingt einen, lebenslang dazu zu
lernen." Das lebenslange oder zumindest 50-jährige politische
Engagement hat Annemarie Peus geprägt und ausgefüllt. "Das Ehrenamt", so lautet
ihre Botschaft, "kann eine enorme Bereicherung darstellen für andere, aber auch
für einen selbst." |