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Ehrung von Annemarie Peus für ihre jahrzehntelange Arbeit im Dienst der europäischen Sache und in der Europa-Union aus Anlass des Bundeskongress der Europa-Union in Münster 1999. Im Bild Bundesgeschäftsführerin Birgit Kößling, Präsident Hans-Gert Pöttering und Annemarie Peus.

 

Das Ehrenamt als Lebenselixier

Annemarie Peus: 50 Jahre Politik aus vielen Perspektiven

Von Wolfgang S c h e m a n n

Münster. Sie ist das, was man gerne eine Person der Zeitgeschichte nennt. Sie hat 50 Jahre Politik aus allen Perspektiven erlebt und gemacht – als Ehefrau eines Oberbürgermeisters, als Mutter einer Europaabgeordneten und als Vorsitzende der Europa-Union. Im Grunde hat die Politik ihr ganzes Leben bestimmt. Ihr Vater war bis 1933 Vorsitzender der Zentrumspartei in der Provinz Hannover, politisches Denken wurde ihr quasi in die Wiege gelegt Annemarie Peus: "Es steckt wohl in den Pösten."
Die gebürtige Hildesheimerin erinnert sich gut an die Besuche der Reichskanzler Marx und Brüning in ihrem Elternhaus, aber auch an die Schrecken der Nazi-Zeit mit Hausdurchsuchungen durch die Geheime Staatspolizei und ständige Telefonüberwachung.
Die politische Bühne in Münster öffnete sich für Annemarie Peus vor einem halben Jahrhundert. Anfang der 50er Jahre fand in Münster eine große Tagung statt. "Mein Mann hatte – was er gerne tat und gut konnte – eine flammende Rede gehalten. Und hinterher kamen Leute zu ihm und sagten: Sie müssen OB werden." Ihr Wunsch ging schon wenig später in Erfüllung. Im November 1952 wurde Rechtsanwalt Dr. Busso Peus zum münsterischen Oberbürgermeister gewählt. Sein Vater, Justizrat Fritz-Carl Peus, war übrigens der erste von der Besatzungsmacht ernannte münsterische Oberbürgermeister nach dem Kriege. Annemarie Peus kann sich noch daran erinnern, wie sie ihn im Mai 1945 in Vertretung ihrer Schwiegermutter zum Antrittsbesuch bei Bischof von Galen begleitete.
Es war keine ganz einfache Zeit, wie sich Annemarie Peus erinnert "Wir haben noch die richtig mageren Jahre mitbekommen. Zu Anfang hat mein Mann oben im Petzhold-Haus gesessen, weil es weder Rathaus noch Stadthaus gab."
Aber es waren auch spannende Jahre – "in denen mein Mann gefordert wurde in seinen besten Kräften". Er konnte und durfte, so formuliert es Annemarie Peus, an der Planung und Gestaltung, am Wiederaufbau jener Stadt mitwirken, die er liebte.
Eine große Aufgabe, zumal an allen Ecken und Enden Mangel herrschte. Es gab kein Geld, es gab kein Material. Und manchmal mangelte es auch noch an den notwendigen Fähigkeiten. Annemarie Peus erinnert sich, dass für den Wiederaufbau von Rathaus und Dom eigens Steinmetzschulen eingerichtet werden mussten, um den Handwerkern die notwendigen Fertigkeiten zu vermitteln.
Die Frage, ob Münsters Mitte wieder an der alten Stelle errichtet werden sollte, oder vielleicht doch irgendwo anders, war damals wohl schon entschieden. Aber über die Frage, wie der Wiederaufbau vonstatten gehen sollte, wurde noch immer heftig gestritten. Der Oberbürgermeister, sagt Annemarie Peus, gehörte zu den denen, die sich – vor allem am Prinzipalmarkt – für den Wiederaufbau des Alten stark machten: "Aber beim Theater war er erstaunlicherweise fürs Moderne."
Es waren handfeste Probleme, die die Politik damals beschäftigten. In dieser Beziehung, so meint Annemarie Peus, "hatte mein Mann es sicher leichter als die späteren Oberbürgermeister". Ideologie und Parteipolitik spielten nur eine Nebenrolle – das gemeinsame Ziel stand im Vordergrund: "Alle Parteien hatten das Bestreiben, Münster wieder aufzubauen und erträgliche Verhältnisse für alle Bürger zu schaffen."
Die Ehefrau eines Oberbürgermeisters hatte in jenen mageren Jahren vor allem soziale Aufgaben. Annemarie Peus nahm sich besonders der Altenheime an sowie der kinderreichen Familien in den Barackensiedlungen, die regelmäßig mindestens ein Mal im Monat besucht wurden.
In besonders angenehmer Erinnerung hat die Münsteranerin die internationalen Kontakte, die das Amt des Oberbürgermeisters mit sich brachte. Und die sie nicht nur deshalb genoss, weil sie damals noch alles andere als selbstverständlich waren. "Es waren auch willkommene Gelegenheiten, unseren Gesichtskreis zu erweitern."

Es war die Zeit, in der die ersten Städtepartnerschaften eingestielt wurden. Zunächst gab es Besuche in Enschede. Dann in York und Orléans – wo man wiederum Leo Tallaksen traf, den Bürgermeister der norwegischen Stadt Kristiansand. Und überall, so beteuert sie, wurde man mit offenen Armen aufgenommen:
"Es gab kaum Vorbehalte." Ganz im Gegenteil: Meist gingen die städtepartnerschaftlichen Kontakte mit personlichen Freundschaften einher – manche, so freut sie sich, dauern bis heute.
Durch diese Kontakte war der Boden gut vorbereitet, als Annemarie Peus Mitte der 60er Jahre von Berta Hüffer, der damaligen Vorsitzenden der Europa-Union, eingeladen wurde: "Begleiten Sie mich doch mal." Es war der Beginn einer jahrzehntelangen Passion. Die Europa-Union – "eine Vereinigung, die sich ganz kompromisslos einsetzt für die Einheit Europas" – fand in Annemarie Peus eine leidenschaftliche Vorkämpferin: "Weil das der Versöhnung dient und dem Frieden – der damals ja noch jung und fragil war."
Schon wenig später fand sich die Münsteranerin auf Tagungen in Tarent und Rom wieder, wo ein damals gerade aktuelles Problem diskutiert wurde: die Betreuung und Integration italienischer Gastarbeiter. Es blieb nicht bei der Diskussion, die Europa-Union engagierte sich auch für die Lösung der Probleme. Sie fand in den eigenen Reihen zehn Lehrkräfte, die ausländischen Kindern nachmittags Unterricht gaben, sie bemühte sich um die Einrichtung von Übergangsklassen, und sie rief einen Arbeitskreis mit Vertretern von Stadt und Ausländern ins Leben – einen Vorläufer des Ausländerbeirates. Annemarie Peus hat auf allen Ebenen der Europa-Union mitgemischt. Sie gehörte viele Jahre dem Landesvorstand an und ist heute Ehrenvorstandsmitglied, sie hat im Bundespräsidium mitgearbeitet und ist noch immer stellvertretende Vorsitzende des Bundeshauptausschusses.
Der Schwerpunkt ihres Europa-Engagements aber lag natürlich in Münster. Den Vorsitz des münsterischen Kreisverbandes hat sie im vergangenen Herbst nach 33-jähriger Tätigkeit niedergelegt. Nicht ganz leichten Herzens, wie man ihr anmerkt, aber doch in dem Bewusstsein, dass man den richtigen Zeitpunkt zur Weitergabe an Jüngere auch verpassen kann.
Europa-Union – das hieß für Annemarie Peus auch, jeden Monat eine Veranstaltung zu organisieren. Und nicht nur irgendeine: "Ich wollte, dass die auch gut war." Im Laufe der Jahre hat die 26 Botschafter nach Münster geholt – darunter Ende der 80er Jahre auch den chinesischen. Eine "Ringeltaube", wie sie schmunzelnd kommentiert, denn die Chinesen machten sich damals mehr als rar. Es war eine interessante Begegnung, die Annemarie Peus auch in die chinesische Botschaft führte – und die am Ende gemischte Gefühle hinterließ: "Es war bedrückend zu erleben, wie unfrei die Chinesen doch sind."
In den letzten zehn Jahren haben sich alle osteuropäischen Länder bei der Europa-Union vorgestellt. "Das war interessant und hat mich auch menschlich berührt – wenn man sieht und hört, wie die mit dem Herzen bei der Sache sind und um Sympathie und Verständnis für ihre Länder werben." Der rumänische Botschafter war Ende 1999 in Münster – just zu dem Zeitpunkt, als EU den Rumänen in Helsinki den Kandidatenstatus einräumte. Annemarie Peus erlebte einen mehr als gerührten Botschafter: "Er hat gesagt: Das ist der glücklichste Tag meines Lebens."
Ob die Europa-Union denn nicht langsam ausgedient hat, wenn der Euro eingeführt wird? "Diese Frage habe ich mir auch schon mal gestellt", gesteht sie. Aber sie hat Gegenargumente gefunden. Zum einen, meint sie, gebe es hierzulande noch immer genügend Informationsbedarf in Sachen Europa, auch und vor allem in den neuen Bundesländern. Zum anderen ist und bleibt das Thema Osterweiterung. In einigen Staaten Osteuropas wurden bereits "Europahäuser" errichtet, Landesverbände der Europa-Union sind in Vorbereitung.
Annemarie Peus war und ist mit Überzeugung und Begeisterung Mitglied der Europa-Union. Sie hat aber versucht, sich eine kritische Distanz zur europäischen Wirklichkeit zu bewahren. Beispielsweise gegenüber der Regelungswut. So stellt sich für die Münsteranerin schon die Frage, ob es richtig ist, "wenn die EU-Kommission in Brüssel regeln will, wie ein Klassenzimmer in Bayern auszusehen hat". Und sie kann durchaus verstehen, dass das so manchen auf die sprichwörtliche Palme bringt. Annemarie Peus: "Das ist schade, weil es die Menschen missmutig macht – und sie sollten eigentlich von Europa begeistert sein."
Von den offiziellen Ämtern hat sich Annemarie Peus inzwischen etwas zurückgezogen, aber das Thema Europa liegt ihr weiterhin am Herzen. Alle paar Wochen hält sie irgendwo einen Vortrag. "Das hält einen fit", lächelt sie, "und zwingt einen, lebenslang dazu zu lernen." Das lebenslange – oder zumindest 50-jährige – politische Engagement hat Annemarie Peus geprägt und ausgefüllt. "Das Ehrenamt", so lautet ihre Botschaft, "kann eine enorme Bereicherung darstellen – für andere, aber auch für einen selbst."

WN, 26.4.2001